Der Draht kam von woanders, und jetzt ist der Ursprung eine Frage
Die Intuition lautet: Die Fabrik steht in Taiwan, also ist die Schraube taiwanisch. Meistens führt diese Intuition zur richtigen Antwort.
Aber sie kommt dort aus dem falschen Grund an — und wenn der Grund falsch ist, kann es auch die Antwort sein. Bemerkt wird das meist, wenn der Container schon im Hafen steht.
Denn der Ursprung ist keine geografische Tatsache. Er ist eine rechtliche Feststellung, getroffen von der zuständigen Behörde im Bestimmungsland nach deren eigenen Regeln für die jeweilige Maßnahme. Meist ist der Zoll beteiligt — aber nicht immer allein: In den Vereinigten Staaten etwa können Fragen zum Anwendungsbereich und Ursprung bei Antidumping- und Ausgleichszöllen vom Handelsministerium entschieden werden, das an die allgemeinen Ursprungs- und Kennzeichnungsentscheidungen des Zolls nicht gebunden ist.
Meistens ist der Herstellungsort die Antwort
Wenn eine Schraube in einem einzigen Land vom Rohmaterial zum Fertigteil wird, gibt es nichts zu diskutieren. Die Frage stellt sich, wenn das Material von woanders kam — was in dieser Branche häufig ist.
Dann lautet die eigentliche Frage: Stellen die in Taiwan ausgeführten Arbeitsgänge eine wesentliche Be- oder Verarbeitung dar? Umformen, Gewindewalzen, Wärmebehandlung, Oberflächenbehandlung — reicht das, um daraus ein neues Erzeugnis zu machen?
Es gibt einen Rahmen. Das Übereinkommen über Ursprungsregeln der WTO erfasst den nichtpräferenziellen Ursprung. Sein Artikel, der die Verwendungszwecke aufzählt, ist beispielhaft und nicht abschließend und nennt unter anderem die Meistbegünstigung, Antidumping- und Ausgleichszölle, Schutzmaßnahmen, die Ursprungskennzeichnung, diskriminierende mengenmäßige Beschränkungen und Zollkontingente, das öffentliche Beschaffungswesen und die Handelsstatistik.
Die Harmonisierungsarbeit unter diesem Übereinkommen ist jedoch nicht abgeschlossen. Die großen Handelsräume behalten ihre eigene Gesetzgebung und ihren eigenen Auslegungsansatz. Streng genommen kann dieselbe Schraube daher in verschiedenen Bestimmungsländern unterschiedlich beurteilt werden, und „Was ist der Ursprung?“ bleibt eine unvollständige Frage, solange man nicht sagt: Ursprung für welches Land.
Wesentliche Be- oder Verarbeitung: drei Kriterien, nicht eines
Die letzte wesentliche Be- oder Verarbeitung ist das weit verbreitete Kernkonzept — wobei die WTO anmerkt, dass nicht jedes Mitglied spezifische nichtpräferenzielle Regeln erlassen hat oder anwendet. Wie sie geprüft wird, ist unterschiedlich. Drei Ansätze sind üblich:
| Kriterium | Was es fragt |
|---|---|
| Wechsel der zolltariflichen Einreihung | Bringt die Verarbeitung die Ware in eine andere Position des Harmonisierten Systems? |
| Wertanteil | Erreicht die Wertschöpfung im Land einen Schwellenwert? |
| Bestimmter Arbeitsgang | Wurden die genannten Herstellungs- oder Verarbeitungsschritte dort ausgeführt? |
Bei der Europäischen Union lohnt es sich, genau zu sein, denn die Zusammenfassung „sie stellt auf die Tarifierung ab“ ist zu ungenau. Ihr Zollkodex der Union geht von der letzten wesentlichen, wirtschaftlich gerechtfertigten Be- oder Verarbeitung aus; ein veröffentlichter Anhang legt verbindliche Erzeugnisregeln für gelistete Waren fest, für nicht gelistete wird im Einzelfall beurteilt. Hinzu kommen eigene Bestimmungen zu Minimalbehandlungen und zu Verarbeitungen, deren einziger Zweck die Umgehung von Maßnahmen ist, sowie Restregeln für den Fall, dass die Hauptregel nicht erfüllt ist.
Für Schrauben und Bolzen im Besonderen — HS-Position 7318 — ist diese veröffentlichte Hauptregel ein Wechsel der Tarifposition, sodass für dieses Erzeugnis das Kriterium der zolltariflichen Einreihung gilt. Das ist eine engere und nützlichere Aussage als eine Behauptung über das EU-System insgesamt.
Ein Punkt ist systemübergreifend weitgehend gemeinsam: Geringfügige Behandlungen wie Umpacken verleihen keinen Ursprung.
Dieser gemeinsame Punkt ist nützlich, weil er eine Untergrenze setzt. „In Taiwan verpackt“ und „in Taiwan umgeformt, gewalzt und wärmebehandelt“ unterscheiden sich in dieser Frage nicht graduell. Sie unterscheiden sich grundsätzlich.
Drei Dinge, die immer wieder vermengt werden
Die meiste Verwirrung entsteht, weil diese drei als eines behandelt werden. Das sind sie nicht, und eine einzige Schraube kann bei allen dreien verschiedene Länder aufweisen.
- Erschmelzungsland — wo der Stahl ursprünglich erschmolzen und vergossen wurde. Eine Tatsache der Werkstoffrückverfolgbarkeit, üblicherweise im Werkszeugnis angegeben. Spätere Verarbeitung bleibt dabei unberücksichtigt.
- Ursprungsland — die Feststellung über das fertige Erzeugnis, die spätere Verarbeitung sehr wohl berücksichtigt. Der nichtpräferenzielle Ursprung ist ein wichtiger Faktor dafür, ob viele Zölle und handelspolitische Maßnahmen gelten — neben Einreihung, Zollwert, einem etwaigen Präferenzursprung und dem Anwendungsbereich der jeweiligen Maßnahme.
- Die Kennzeichnung „Made in ___“ — eine Kennzeichnungsangabe, die eigenen Kennzeichnungsregeln unterliegt, die sich von Markt zu Markt unterscheiden. Frei wählbar ist sie deshalb nicht: Die US-Kennzeichnungsregeln verlangen grundsätzlich, dass die Angabe den rechtlich festgestellten Ursprung wiedergibt, und für die Angabe „Made in USA“ gilt ein eigener, gesonderter Maßstab. Zusätzliche Formulierungen wie „designed in“ oder „finished in“ können andere Arbeitsgänge beschreiben, sofern sie nicht irreführen.
Eine Schraube aus importiertem Draht, die in Taiwan umgeformt und wärmebehandelt wird, weist häufig ein Land als Erschmelzungsland und Taiwan als zollrechtlichen Ursprung aus, während die Kennzeichnung den Regeln des Bestimmungslandes folgt. Die ersten beiden dürfen rechtmäßig voneinander abweichen, weil sie verschiedene Fragen beantworten — lesen Sie das aber nicht als Freibrief, ein unbeteiligtes drittes Land auf die Schachtel zu drucken.
Nebenbei hat der Punkt aus Warum die Mindestbestellmenge genau so hoch ist — dass für Sie ein Coil angebrochen werden muss — hier eine zweite Bedeutung: Woher dieses Coil stammt, fließt in diese Frage ein.
Warum das in die Anfrage gehört und nicht zur Ankunft
Es hat finanzielle Folgen, und sie treffen den Käufer.
- Antidumping-, Ausgleichs- und Schutzmaßnahmen hängen vom Ursprung der Ware und vom Anwendungsbereich der Maßnahme ab, nicht davon, wo der Verkäufer sitzt. Sie müssen die konkrete Verordnung lesen: ihren Warenbereich, welche Länder sie erfasst, etwaige Ausnahmen und etwaige Feststellungen zur Umgehung. Schutzmaßnahmen gelten mitunter weltweit, mit Ausnahmen für einzelne Länder.
- In den meisten Systemen liegt die Anmeldung in der Verantwortung des Importeurs. Sagt ein Lieferant „Made in Taiwan“, überträgt das diese Verantwortung nicht.
- Der Zeitpunkt der Entdeckung ist meist denkbar schlecht — die Ware im Hafen, eine Linie wartet, und Zoll wie Verzögerung liegen beide bei Ihnen.
Deshalb gehört es zusammen mit Preis und Lieferzeit zu dem, was eine Anfrage enthalten muss, und nicht in die Störungsmeldung danach.
Was Sie vom Lieferanten verlangen sollten
Nicht „Made in Taiwan“. Das ist eine Schlussfolgerung, und was Sie brauchen, sind die Tatsachen, aus denen jemand eine Schlussfolgerung ziehen kann:
- Den Draht, als getrennte Fragen gestellt. „Herkunft“ ist kein einzelnes Feld: das Land, in dem er gekauft wurde, das Land, aus dem er versandt wurde, das Land, in dem er hergestellt wurde, sein eigener nichtpräferenzieller Ursprung und das Erschmelzungsland können alle verschieden sein. Fragen Sie nach jedem einzeln statt nach einer einzigen Antwort.
- Welche Arbeitsgänge in welchem Land ausgeführt wurden. Umformen, Gewindewalzen, Wärmebehandlung und Oberflächenbehandlung getrennt aufgeführt — gerade die Oberflächenbehandlung wird oft an Unterlieferanten vergeben und findet womöglich nicht im selben Land statt.
- Die Positionen des Harmonisierten Systems vor und nach der Verarbeitung. Wendet das Bestimmungsland das Kriterium der zolltariflichen Einreihung an, sind diese beiden Nummern der eigentliche Nachweis.
- Eine schriftliche Ursprungserklärung mit Angabe ihrer Grundlage. Welches Land, und nach welchem Kriterium diese Schlussfolgerung gezogen wurde.
- Herkunft und Wert der Vormaterialien und wie sie berechnet wurden — wenn die anwendbare Regel einen Wertanteil als Schwelle nutzt oder auf eine Restregel zurückgreift, die darauf abstellt, welches Vormaterial den größten Wert beiträgt, dann sind die Kosten der Nachweis, und die vier Punkte oben allein können die Frage nicht klären.
Diese Seite erklärt, wie die Frage entschieden wird, nicht wie die Antwort für Ihre Sendung lautet. Die Regeln unterscheiden sich je nach Bestimmungsland und werden überarbeitet. Ein Zollagent oder Außenhandelsberater kann nach den geltenden Regeln beurteilen und anmelden, aber er kann die Behörde nicht ersetzen: Wo Sie Rechtssicherheit brauchen, führt der Weg über eine verbindliche Auskunft der Zollbehörde selbst — die EU erteilt verbindliche Ursprungsauskünfte, der US-Zoll erteilt verbindliche Auskünfte (binding rulings). Erst wenn die Punkte oben bereitliegen, hat jemand etwas, mit dem er arbeiten kann, statt eine Floskel deuten zu müssen.
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Häufige Fragen
Die Fabrik steht in Taiwan. Ist der Ursprung Taiwan?
Nicht automatisch. Stammt das Material von woanders, lautet die Frage, ob die Arbeitsgänge in Taiwan eine wesentliche Be- oder Verarbeitung darstellen — und weil die Harmonisierung in der WTO nicht abgeschlossen ist, können verschiedene Bestimmungsländer zu verschiedenen Antworten kommen.
Wie wird über eine wesentliche Be- oder Verarbeitung entschieden?
Nach drei üblichen Kriterien: Wechsel der zolltariflichen Einreihung, Wertanteil oder bestimmter Arbeitsgang. Die EU stützt sich auf das erste. Umpacken und ähnliche geringfügige Behandlungen verleihen keinen Ursprung.
Ist das Erschmelzungsland dasselbe wie der Ursprung?
Nein. Das Erschmelzungsland ist eine Tatsache der Werkstoffrückverfolgbarkeit im Zeugnis und lässt spätere Verarbeitung außer Acht; der Ursprung ist die zollrechtliche Feststellung über das fertige Erzeugnis und schließt sie ein.
Kann der Kauf über ein Drittland den Ursprung ändern?
Ein Wechsel des Verkäufers, des Rechnungsstellers oder des Transportwegs ändert ihn nicht. Eine tatsächliche Verarbeitung in einem Drittland kann den Ursprung nach den Regeln des Bestimmungslandes ändern — oder durch eine Feststellung zur Umgehung wieder unter die Maßnahme fallen. Das sind getrennte Fragen, und beide müssen geprüft werden.
Reicht „Made in Taiwan“ vom Lieferanten aus?
Nein, das ist eine Schlussfolgerung. Verlangen Sie die Herkunft des Drahts, die Arbeitsgänge nach Ländern, die HS-Positionen vorher und nachher sowie eine Erklärung mit Angabe ihrer Grundlage.
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Wenn Sie eine Ursprungserklärung benötigen, nennen Sie uns das Bestimmungsland, und wir führen die Herkunft des Drahts und den Ort jedes Arbeitsgangs auf, damit Ihr Zollagent etwas zu beurteilen hat. Unter M6 erfolgen Umformen, Walzen und Prüfung im Haus, sodass die Liste der Arbeitsgänge nicht auf die Antwort eines Unterlieferanten wartet.
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